Die deutsch-französische „Taskforce für die Digitale Souveränität Europas“, ins Leben gerufen beim Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität am 18. November 2025 in Berlin, erarbeitet derzeit eine verbindliche Definition digitaler Souveränität. Diese soll künftig die Grundlage für deutsche und europäische Gesetzgebung sowie für Förder- und Beschaffungsprozesse bilden.
Die Open Source Business Alliance – Bundesverband für digitale Souveränität (OSBA) wurde im Rahmen dieser Initiative zu einer Befragung eingeladen. Als Europas größter Open-Source-Branchenverband begrüßt die OSBA das Vorhaben grundsätzlich – mahnt jedoch, nicht hinter die in Deutschland gut etablierte, ganzheitliche Definition des IT-Planungsrates zurückzufallen, die Wechselfähigkeit, Gestaltungsfähigkeit und den Einfluss auf Anbieter als zentrale Voraussetzungen für digitale Souveränität beschreibt. Open Source Software ist in besonderem Maße dazu geeignet, diese Anforderungen zu erfüllen und digitale Souveränität herzustellen, da solche Software transparent überprüfbar ist, unabhängig betrieben und auch nach den eigenen Bedürfnissen gestaltet werden kann.
Rückenwind dafür kommt aus dem Ministerium, das für diesen Prozess verantwortlich zeichnet: Bundesdigitalminister Karsten Wildberger bekräftigte im Mai 2026 auf der re:publica das Commitment der Bundesregierung zu Open Source:
„Open Source soll Leitprinzip werden und heute geht es um Verbindlichkeit. Bei allen neuen Beschaffungen des Bundes hat Open Source Vorrang. […] Der Code, den der Bund mit Steuergeld bauen lässt, gehört der Öffentlichkeit. […] Public Money, Public Code.“
(Quelle Youtube am 26.5.2026)
Diese Haltung muss sich in der neuen Definition unmittelbar widerspiegeln, fordert deswegen OSBA-Vorstandsvorsitzender Peter Ganten:
„Wir haben die einmalige Chance, die europäische Definition digitaler Souveränität jetzt so festzuschreiben, dass sie ihr Versprechen auch einlösen kann und wirklich Unabhängigkeit, Sicherheit sowie Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit für Europa schafft. Digitale Souveränität bedeutet Gestaltungsfähigkeit, Wechselfähigkeit und echten Einfluss auf Anbieter. Es wäre gefährlich, die Definition kurzsichtig nur auf europäische Produkte zu reduzieren, denn europäische Closed-Source-Software bietet gegenüber außereuropäischen Wettbewerbern nur wenige Vorteile, und auch außereuropäische Open Source Software kann zur digitalen Souveränität beitragen. Digitale Souveränität ist keine Frage des Standortes, sondern der Kontrollierbarkeit, und diese wird durch Open Source gewährleistet. Ich schließe mich dem Digitalminister an: Vorrang für Open Source. Eine Neudefinition digitaler Souveränität darf auf keinen Fall hinter dieses im IT-Planungsrat bestehende Verständnis zurückfallen.“
„Buy European“ ist Abschottung – „Open Source First“ ist Souveränität
Die OSBA spricht sich für eine konsequente Open-Source-Strategie aus, bei der „Buy European“ alleine nicht ausreicht, denn Resilienz entsteht nicht durch Abschottung. Wer auf einen europäischen Anbieter setzt oder Daten in einem deutschen Rechenzentrum speichert, hat noch keine Souveränität erlangt, solange Quellcode und Architektur intransparent bleiben und der eigene Handlungsspielraum aufgrund tiefer Abhängigkeiten stark eingeschränkt bleibt.
Ein konsequenter „Open Source First“-Ansatz hingegen gewährleistet Transparenz, Kontrolle, Gestaltbarkeit und Austauschbarkeit und leistet damit einen deutlich substanzielleren Beitrag zur digitalen Souveränität als eine oberflächliche „Buy European“-Politik. Zugleich stärkt Open Source die europäische Innovations- und Wertschöpfungsfähigkeit: Die freie Nutzung verfügbarer Komponenten senkt Markteintrittsbarrieren, verkürzt Innovationszyklen und schafft echten Wettbewerb.
Leistungsfähiges Open-Source-Ökosystem steht bereit
Ein skalierbares, digital souveränes Open-Source-Ökosystem existiert bereits heute in Deutschland und Europa – es muss nicht von Grund auf neu aufgebaut werden. Die OSBA-Mitgliedsunternehmen und viele andere Open-Source-Spezialisten sind bereit, dieses Potenzial in Beschaffung, Verwaltung und Infrastruktur zu heben. Voraussetzung dafür ist eine Definition digitaler Souveränität, die diesen Weg nicht versperrt oder nur als Nebenschauplatz sieht, sondern konsequent vorzeichnet.