Ein Verbot und alle Probleme sind gelöst? Europäische Länder diskutieren über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren, Australien hat es soeben eingeführt. Doch so verständlich der Wunsch nach Schutz von Jugendlichen ist: Ein Verbot ist eine paternalistische Schein-Lösung, die von wirksamen Massnahmen ablenkt. Schutz und Selbstbestimmung entstehen nicht durch Ausschluss, sondern durch Teilhabe, Kompetenz – und Verantwortlichkeit der Social-Media-Plattformen.
Unsere Argumente gegen ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren:
- Keine nachhaltige Problemlösung: Jugendliche wollen sich austauschen und Gemeinschaft finden – auch digital und bevor sie 16 Jahre alt werden. Sie werden Wege finden, um Verbote zu umgehen. Oder andere, verborgene und unkontrollierte Plattformen aufsuchen. Statt Jugendliche zu sanktionieren braucht es strenge Regeln für Social-Media-Plattformen, damit Tracking, algorithmische Manipulation und süchtig machende Feeds endlich aufhören – für alle.
- Fehlende wissenschaftliche Grundlage: Trotz hunderter Studien gibt es keine eindeutige Evidenz für einen kausalen Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und psychischen Schäden. Globale Krisen, soziale Unsicherheit oder Leistungsdruck spielen ebenfalls eine zentrale Rolle in der verschlechterten psychischen Gesundheit junger Menschen. Social Media kann diese grundliegenden Aspekte verstärken, aber sie sind durch ein Verbot nicht gelöst.
- Einschränkung digitaler Teilhabe: Social Media sind heute Lebenswelt, Lernort, Ausdrucksraum. Ein Verbot schliesst Jugendliche von diesen Räumen pauschal aus, statt dass sie lernen, sich dort kompetent und kritisch zurechtzufinden. Dies ist nicht im Sinne der Grundrechte, insbesondere nicht der Kinder- und Menschenrechte, welche Mitbestimmung und Mitsprache sichern. Mindestens bestimmte Dienste sollen schon unter 16 Jahren zugänglich sein, um Schritt für Schritt Kompetenz aufzubauen. Schliesslich checkt man nicht plötzlich mit 16 Jahren Tiktok & Co.
- Besondere Nachteile für marginalisierte Gruppen: Queere Jugendliche, Menschen mit Behinderungen oder Angehörige von Minderheiten finden online oft Unterstützung und Gemeinschaft, die ihnen offline fehlt. Ein Verbot trifft gerade jene besonders hart, die auf digitale Vernetzung angewiesen sind.
- Altersverifikation bedeutet oft Überwachung: Altersverifikation erfordert in der technischen Umsetzung oft Überwachung, beispielsweise durch Gesichts-Scans oder Verhaltensanalysen. Das gefährdet Privatsphäre und Anonymität, was wiederum vulnerable Menschen besonders trifft. Mit der E-ID besteht bald ein datenschutzfreundliches Authentifizierungs-Tool in der Schweiz, dessen Nutzung aber berechtigterweise freiwillig ist.
Wenn wir Regeln für die Social-Media-Plattformen setzen, welche Tracking und algorithmische Manipulation vermindern und stattdessen die Selbstbestimmung und Informationsfreiheit stärken – beispielsweise indem man die Parameter seines Feeds selbst steuern kann – haben wir viele Schattenseiten der Plattformen, unter denen Menschen leiden, beseitigt. Und zwar für alle, nicht nur für U16. Unsere Vernehmlassungsantwort zur Plattformregulierung ist eine Leitlinie für eine solche Regelsetzung. Daneben braucht es den Aufbau und die Stärkung von Social-Media-Plattformen, für welche der Dialog und die Gemeinschaft im Zentrum stehen statt eine maximierte Aufenthaltszeit der Nutzer:innen.
